11.08.2019 Eröffnung Dichterblick

Sonntag, 11. August 2019
Einweihung Dichterblick 
Am Sonntag, 11. August 2019 wurde am oberen Rand der Häder-Weinberge mit über 200 BesucherInnen der sog. “Dichterblick” feierlich eingeweiht.
Die WKZ berichtete darüber.

Hier finden Sie auch die Rede zur Einweihung des Allmende-Vorsitzenden Ebbe Kögel.

 

Rede von Ebbe Kögel (Allmende Stetten) bei der Eröffnungsfeier für den „Dichterblick“ in den Häder-Weinbergen am Sonntag, 11. August 2019

 

Die Idee für diesen „Dichterblick“, an dem wir heute stehen, stammt von meinem „Dede“, meinem Patenonkel Eugen Beurer aus der Langgaß, Jahrgang 1924.
Er lebt inzwischen im Haus Edelberg.
Weil unsere Vorfahren hier einen Wengert besaßen, kam er als junger Mann immer zu dieser Stelle mit der wunderschönen Aussicht. Er setzte sich auf eine Wengertmauer und begann zu sinnieren. Nachzudenken über sich und über Gott und die Welt. 
Seine Inspirationen, seine Eingebungen bezog er dann oft aus der Tatsache, dass mensch von dieser Stelle aus zu den Geburtsorten und Wirkungsstätten von 8 schwäbischen Dichtern sehen konnte. Zur damaligen Zeit waren diese Dichter sehr viel stärker im Bewusstsein der Menschen verankert, auch bei denen mit Volksschulbildung. Denn ihre Gedichte und Erzählungen wurden in der Schule gelehrt, waren aber auch in der Volksüberlieferung präsent. 
Vor 7 Jahren hat die Allmende dann erstmals die Idee eines „Dichterblicks“ in die Öffentlichkeit gebracht, im Rahmen der Ideenfindung für die Remstalgartenschau. Diese Idee stieß damals bei den Verantwortlichen auf wenig Gegenliebe. 
Allerdings entstand aus einer Besichtigung dieses Orts hier mit dem früheren Bauamtsleiter Horst Schaal die Idee, hier das „Wengerthäusle“, das früher so genannte „Weiße Haus“ des Architekturbüros Kühn & Malvezzi aus Berlin zu errichten. Es wäre allerdings sehr bedauerlich, wenn die Information stimmte, dass die Berliner sich gegen die Aufstellung der Dichter-Tafeln an dieser Stelle ausgesprochen hätten. Aber nehmen wir mal zu ihren Gunsten an, dass dieses Gerücht nicht stimmt.
Dann wurde die ursprüngliche Idee von Dieter Kaiser aufgenommen und um den Vorschlag eines Dichterweges mit Liebesliedern erweitert. Wieder gab es wenig Gegenliebe von Seiten der Gartenschau-Verantwortlichen.
Aber dann kam Helmut Seher ins Spiel, der es mit einer gehörigen Portion Durchhaltevermögen schließlich schaffte, das Projekt zu einem guten Ende zu führen. Ohne ihn wäre dieses Projekt nie zustandegekommen. Dafür ein herzliches Dankeschön.
Allerdings wurde die ursprüngliche Idee eines  e i n z i g e n  Ortes, an dem zu den Geburtsorten und Wirkungsstätten  a l l e r  genannten Dichter geguckt werden kann, dahingehend geändert, dass die Infotafeln jetzt an  z w e i  verschiedenen Orten stehen, die einen Kilometer auseinander liegen. Das ist einerseits a bissle schad, hat aber den Vorteil, dass dadurch auch dieser wunderschöne Aussichtspunkt „Glitzer“ drüben am Waldesrand (auf dem Weg zum Kernen-Turm) den BesucherInnen erschlossen wird.
Bei der Auswahl unserer Dichter ist uns ein kleines Malheur passiert. Wir haben einen Dichter vergessen: nämlich Christian Friedrich Daniel Schubart, geboren vor 280 Jahren in Obersontheim, gestorben 1791 in Stuttgart. 
Er war einige Jahre Organist am Hof in Ludwigsburg und wurde bekannt durch seine scharf formulierten sozialkritischen Schriften, mit denen er die absolutistische Herrschaft und deren Verkommenheit im damaligen Herzogtum Württemberg öffentlich anprangerte. Zielscheibe seines Spottes waren insbesondere Herzog Carl Eugen (der die Glockenkelter in Stetten erbauen ließ) und seine Mätresse Franziska von Hohenheim. Diese bezeichnete er als „Lichtputze, die glimmt und stinkt“. 
Die beiden rächten sich grausam, in dem sie Schubart mit einer Lüge auf württembergisches Territorium lockten und 10 Jahre auf dem Hohenasperg in Isolationshaft einsperrten. Die Schubart-Tafel an dieser Stelle wäre ein guter Kontrast gewesen zur „Herzoglichen Kugelbahn“ auf der anderen Seite des Tales.
Nun zu den einzelnen Dichtern.

 

1. Friedrich Schiller
Geboren 1759 in Marbach, gestorben 1805 in Weimar. Auf der Tafel ist sein Gedicht „An den Frühling“. Und die Ode an die Freude, „Freude schöner Götterfunken“.  Sein bekanntestes Werk „Die Räuber“ entstand übrigens als Reaktion auf die Festungshaft von Schubart.

 

2. Friedrich Silcher
Geboren 1789 in Schnait, gestorben 1860 in Tübingen.
Einer der bedeutendsten Vertreter des Chorgesangs. Von ihm haben wir das Gedicht „Ein König ist der Wein“ und das beliebte Chorlied „Ännchen von Tharau“ auf der Tafel. (Tharau liegt übrigens in der Nähe von Königsberg, heute Kaliningrad).

 

3.Hermann Hesse 
Geboren 1877 in Calw, gestorben 1962 in Montagnolo/Tessin
Als 15-jähriger Jüngling war er zwei Mal für je 3 Monate in Stetten, als er pubertätsbedingt gegen die pietistische Enge seines Elternhauses rebellierte. 
1946 erhielt er den Literaturnobelpreis.
Seine Werke, insbesondere „Siddharta“ und „Der Steppenwolf“, spielten eine wichtige Rolle in der Hippie- und Musikbewegung der 1968-er Jahre. (Die Gruppe „Steppenwolf“, die mit dem Lied „Born to be wild“ bekannt wurde, benannte sich nach dem Buch von Hesse.).
Wir hören zuerst eine Aufnahme des Schauspielers Gert Westphal von einer alten Langspielplatte (Aufnahmejahr unbekannt), die uns freundlicherweise Leon Irizzary zur Verfügung gestellt hat. Westphal liest aus einem Brief, den der verzweifelte 15-jährige Hesse aus Stetten an seine Eltern in Calw geschrieben hat.
Abgedruckt sind die Gedichte „Der Liebende“ und „Beim Wein“.

 

4. Theodor Vischer
Geboren 1807 in Ludwigsburg, gestorben 1887 in Gmunden am Traunsee.
Von ihm sind die Gedichte „Immer zu“ und „Mädchens Abendgedanken“ abgebildet

 

5. Friedrich Hölderlin
Geboren 1770 in Lauffen, gestorben 1843 in Tübingen.
Von ihm finden sich „Schwabens Mägdelein“ und „Hymnische Entwürfe“ auf der Tafel.

 

6. Eduard Mörike
Geboren 1804 in Ludwigsburg, gestorben 1875 in Stuttgart.
Von ihm wurden „Wechsellied beim Weine“ und „Begegnung“ ausgesucht.

 

7. Justinus Kerner
Geboren 1786 in Ludwigsburg, gestorben 1862 in Weinsberg. Abgedruckt wurden „Wohlauf noch getrunken“ und die „Württembergische Hymne“ (Preisend mit viel schönen Reden)

 

8. August Lämmle
Geboren 1876 in Oßweil, gestorben 1962 in Tübingen.
Lämmle, ein begnadeter schwäbischer Heimat- und Dialektdichter, wurde in der NS-Diktatur zum überzeugten Propagandisten der Nazis und Verehrer von Hitler. In Stetten ist ein Weg nach ihm benannt, da er um 1900 hier Schulmeister war. In dieser Zeit sammelte er die Geschichten über den Pfeffer von Stetten, die 1913 in dem abgedruckten Gedicht „Em Pfeffer vo Stetta sei letzter Stroich“ gipfelten. Außerdem befindet sich sein bekanntestes Werk „Heimatliebe“ auf der Lämmle-Tafel.

 

 

 

August Lämmle – Em Pfeffer vo Stetta sei letzter Stroich

 

Dr Pfeffer hot sei Leaba lang
Zu Lompereia ghet en Hang
Ond so ist ear ao blieba
Hot Schultheß, Pfarr ond Gmoinderät
Ond de ganz Welt fer Narre ghet
Ond nex als Possa trieba

 

Jetz leit’r uf am Taotabett,
Jetz, mo-n-er so gern ‘s Leaba hätt
Dr Pfefferle vo Stetta
Dr Teufel holt da Schendersknoch,
Jetz pfeift’r uf am letzta Loch,
Jetz goht ‘r bald ge’flöta!

 

Sei Geigle hangt selt an dr Wa’d,
Ach Gott, wia schwach ist Kopf und Ha’d
So’st tät r’s no mol langa
Sei Weib ond seine Kender send
Äll bei-n-ehm, jedes wart ufs End
Ond tuat se weagam blanga

 

Do aoxt’r: „Hol da Pfarrer rom,
Sag ao em Schultheß, daß ’r komm,
Saisch, i wöll Frieda schließa“
On mo dia zwe no do gwea sind,
nemmt ear oin reachts, oin lenks, no hent
S’ehm ällbed d’Ha’d gea müassa.

 

“Gottlob ond Dank ‘etz!” hot’r gsait,
“Wenns jetzet goht en d’Ewichkeit,
No ka-ni-i-et verderba
Jetz goht mrs wia am Heiland no,
Dear hot ao müassa zwischa so
Zwei Übeltäter sterba!“

 

Schendersknoch–Todessymbol
aukså – ächzen, stöhnen
blangå – sich Sorgen machen
Quelle: Lämmle „Schwobabluat“, Verlag Salzer, Heilbronn, 1913.
Wiederveröffentlicht in Die Weltbühne, 27. Jahrgang, Nr. 21 vom 26.5.1931