Der 100. Backtag am 18. April 2026: ein Rückblick
Die Tatsache, dass am 18. April der 100. Allmende-Backtag stattfindet, hat etwas zu tun mit den Kindheitserinnerungen des Allmende-Vorsitzenden Ebbe Kögel, Jahrgang 1953. Es war seine Großmutter Anna Beurer, geb. Schreiner-Vetter, die regelmäßig Brot und Kuchen im 1840 gebauten Backhäusle in der Mühlgass buk. (Foto 001) Der Ofen wurde mit den Kräala angeheizt, dem gebündelten Rebschnitt, den er zusammen mit seinem Großvater, dem Wengerter Ernst Beurer, in den Terrassen-Weinbergen der Familie gesammelt hatte.

Für die Kinder der Beurer/Schreiner-Vetter Verwandtschaft war jeder Backtag ein besonderes Fest. Gab es doch bei dieser Gelegenheit zum Mittagessen einen „Werdich-Kuacha“ [Werktagskuchen], also einen Apfel- oder Zwetschgenkuchen aus Hefeteig, zusammen mit der davor gereichten Suppe ein Festschmaus für den Nachwuchs.
Nicht zu vergessen den Salzkuchen direkt aus dem Backofen. Oder den Heffakranz mit „Tsibeeba“, der sonntags zum Karo-Kaffee gereicht wurde.
Mit dem Älterwerden der Großmutter und wegen veränderter Brotkonsumgewohnheiten ging diese Familientradition nach und nach verloren. Bis Ebbe Kögel nach der Jahrtausendwende entdeckte, dass seine Nachbarin Elis Zimmer aus der Pommergaß, Jahrgang 1917, noch im hohen Alter von 90 Jahren regelmäßig Brot im Stettener Backhäusle buk. (Foto 003, Elis Zimmer). Für sich, ihre Familie und verschiedene Nachbarinnnen. Zwei Jahre lang musste er sie bearbeiten, bevor sie sich schließlich bereiterklärte, an einem Backtag für eine Dokumentation übers Brotbacken – und über ihr arbeitsreiches Leben – gefilmt zu werden.
Die Uraufführung von „d’Elis bachd“ (Foto 004, Plakat Uraufführung) zum „Tag des Offenen Denkmals“ am 13. September 2009, zu der die Stettener Landfrauen um Ingrid Fink Köstlichkeiten aus dem Holzbackofen beitrugen, durfte Elis Zimmer noch erleben. Sie starb 2016 im Alter von fast 100 Jahren. Der Film mit seiner herausragenden Hauptdarstellerin wurde ein absoluter Renner. Inzwischen (Stand April 2026) mit 329.000 Zugriffen auf youtube.com. (Foto 005, Cover DVD)
Die positive Resonanz auf diesen Film (und auf die nachfolgend in Freilichtmuseum Beuren gedrehte Dokumentation „Vom Backen im Holzbackofen“) gab den Anstoss, die Backtradition im Stettener Backhäusle in einer öffentlichen Form wieder aufzunehmen. Einen ersten öffentlichen Backtag organisierte die Allmende unter Anleitung der Esslinger Bäckerin Bärbel Hägele (Foto 006 Bärbel Hägele) am Samstag, den 11. Mai 2013. (Foto 007)
Zu den Backtagen wurde im Mitteilungsblatt Kernen und in den örtlichen Zeitungen aufgerufen. Und durch einen regelmäßigen Email-Rundbrief, der am Schluss fast 100 Namen von Interessierten umfasste.
Unter der BäckerInnen bildeten sich dann nach und nach verschiedene „SpezialistInnen“ heraus. Z.B. für das nicht so ganz einfache Anzünden des Ofens, das übernahm anfangs Werner Ehrlich, später Ingrid Richter). Und es bildeten sich mehrere Backgruppen – je nach persönlichen und zeitlichen Präferenzen.
Mit dem Ergebnis, dass inzwischen wieder fast jede Woche im Holzofen des Stettener Backhauses gebacken wird.
Während anfangs die Anmeldungen zum Backen über die Allmende abgewickelt wurden, übernahm im Laufe der Jahre Ingrid Richter diese wichtige Aufgabe. Bis zum heutigen Tag. Ihr gilt unser Dank, verbunden mit der Hoffnung, dass sie dies auch weiterhin machen wird.
Zahlreich sind die Berichte über unsere Backtage und die HolzofenbäckerInnen, insbesondere in Zeitungen und Zeitschriften. Aber auch im Fernsehen. So berichtete der SWR in „Kaffee oder Tee“ über den Besuch der japanischen Bäckerin Madoka Morimoto, die im Oktober 2018 extra nach Stetten kam, um hier das Backen im Holzbackofen zu lernen. (Foto 008).
Ganz wichtig sind auch die regelmäßigen Backtage, die Ingrid Richter für Schulen und Kindergärten organisiert. Um die Tradition des Brotbackens an nachfolgende Generationen weiterzugeben.
Auch Ebbe Kögel macht bei seinen historischen Dorfrundgängen immer Station am Backhäusle, das mit dem benachbarten Milchhäusle, der nahegelegenen Dorfmühle und der Schnapserei Schmid einst das Nahrungsmittelzentrum des Dorfes Stetten bildete.
Zwei Mal (2014 + 2019) organisierten wir ein Backseminar mit dem Holzofenbäcker Günne Weber vom Lorettohof, früher Winnenden. Autor des Erfolgsbuches „Gut Brot will Weile haben“. (Foto 009) Ebenfalls 2019 fuhren mit einem vollen Bus zu Günne Webers Lorettohof bei Zwiefalten. (Foto 010)
2022 organisierte Ingrid Richter ein Backseminar mit Bernd Wahl vom „Backhäusles-Arbeitskreis in Grafenberg bei Metzingen und Mit-Autor das Backhausbuches „Fünf Viertel Stund“. (Foto 011)
Das dritte Seminar mit Günne Weber findet nun am Samstag, 16. Mai 2026 statt, anlässlich des 101. Backtages. (Die Plätze sind leider alle schon belegt, es ist keine Anmeldung mehr möglich).
Der Nachschub an Brennmaterial kommt vom „Kräala lesa“ in den Weinbergen von hiesigen Wengertern, die den BäckerInnen ihren Rebschnitt zum Sammeln überlassen. (Foto 012 Kräala lesa)
Wir sind guter Hoffnung, dass wir diese Tradition des gemeinsamen Brotbackens im Holzofen noch lange fortsetzen können.
Ein Dank geht am Schluss an alle Beteiligten, an Ingrid Richter und die sie unterstützenden Backfrauen. (Gruppenfoto 013) Und nicht zuletzt an die Gemeinde Kernen, die bereit ist, das Backhäusle als örtliche Tradition zu erhalten und finanzielle Mittel für die notwendigen Reparaturen bereitstellt. Ein Dank geht auch an die vielen NachbarInnen, die immer Verständnis für gelegentlich auftretende Rauchentwicklungen hatten und haben. Auch keine Selbstverständlichkeit mehr in der heutigen Zeit.
12.04.2026
Ebbe Kögel


